Mittwoch, 28. Juni 2017

Teegespräche I

Muni B. Schiekel über Meditation

Ich begegne im Alltag, auf Reisen und in Retreats immer wieder interessanten Menschen, die Buddhismus leben, ohne sich unkritisch einer der asiatischen Traditionen angeschlossen zu haben. Sie leben ihren eigenen – westlichen – buddhistischen Weg. Ich mag es sehr, mich mit solchen Frauen und Männern auszutauschen. Ich beginne nun in diesem Blog eine Reihe, die ich „Teegespräche“ nenne und die einige dieser Unterhaltungen wiedergeben.

Zum Auftakt ein Gespräch mit Muni Schiekel über Meditation: Dr. Munish B. Schiekel ist theoretischer Physiker und beschäftigt sich seit 1971 mit dem Buddhismus. Er selbst meditiert seit mehr als 40 Jahren. Schiekel ist der buddhistischen Community im Westen vor allem durch seine Übersetzungsarbeiten bekannt. So stammt von Schiekel etwa eine Übertragung des Dhammapada ins Deutsche, die wohl zu Recht als eine sehr gelungene gelten darf.

m-buddhist: Muni, Meditation ist das Herz des Buddhismus. Meditationsmeister haben jahrtausende lang diesen Weg erforscht und verschiedene Techniken entwickelt. Meditation ist eine Kunst, die zu lernen und zu praktizieren für viele Buddhisten wichtigster Ausdruck ihres spirituellen Weges ist. Die Meditation zeigt dem Praktizierenden den Weg, der zu dem führt, was Buddhisten „Befreiung“ nennen. Was kannst Du mir zu den verschiedenen Meditationsformen sagen, die im Buddhismus ausgeübt werden? Wie würdest Du zum Beispiel den Unterschied zwischen Samatha- und Vipassana-Meditation beschreiben?

Muni: Also, die Sache ist eigentlich ganz einfach: Samatha ist Konzentration während Vipassana umfassendes Gewahrsein bedeutet. Diese beiden sind im Buddhismus die Grundlage für alles.

Samatha-Meditationsformen finden wir in allen kontemplativen Traditionen, auch bereits in schamanistischen Religionen. Diese Konzentration auf ein fest gewähltes Objekt führt zu einer Beruhigung und Harmonisierung des Geistes und gegebenenfalls auch zu so genannten tiefen Meditationserfahrungen. Auch Buddha hatte bei seinen Meditationslehrern zunächst diese Samatha-Meditationen erlernt und die entsprechenden positiven Erfahrungen gemacht. Aber Buddhas Problem war, dass die Wirkung dieser Samatha-Meditationen auf seinen Geist nicht nachhaltig war, d.h. nach diesen Meditationen war sein Geist wie zuvor voller „Verlangen, Aversion und Verwirrung“.

m-buddhist: Und dieses Problem hat dann Buddhas Entdeckung des Vipassana gelöst?

Muni: Ja, ganz genau. Vipassana ist ein einfaches Beobachten dessen, was in Körper und Geist vor sich geht. „Verlangen, Aversion und Verwirrung“ müssen jetzt nicht mehr „besiegt“ oder „beseitigt“ werden, wir müssen nicht gegen die evolutionär entstandene Triebstruktur in uns mit Askese und Selbstkasteiung ankämpfen, sondern wir finden Frieden und Freiheit in einem achtsamen Beobachten aller ablaufenden geistigen und körperlichen Prozesse, ohne wie biologische Automaten auf die entsprechenden Schlüsselreize reagieren zu müssen.

m-buddhist: Wie kann ich Samatha-Meditation und Vipassana in meinen Alltag integrieren?

In unseren Alltag umgesetzt, können wir Samatha verwenden, um uns nach der Arbeit am Abend oder am Wochenende tief zu entspannen. Wir konzentrieren uns auf unseren Atem, sprechen Mantras, machen Visualisierungen oder hören CDs mit Meeresrauschen etc.

Vipassana im Sinne einer Achtsamkeitspraxis können wir bei der Arbeit anwenden, indem wir immer wieder einmal Kontakt mit unserem Atem machen oder unseren Körper, insbesondere unseren Bauch, spüren oder indem wir bei Ärger nicht automatisch reagieren, sondern uns einfach sagen: „Ärger, Ärger", und dann schauen, wie sich diese Emotion im Körper anfühlt, und wie sie sich mit der Zeit, vielleicht unterstützt von ruhigem Atmen, wieder auflöst. Kurzum: „No problem, just a magic show“.

Und auf der Basis von Samatha und Vipassana kann man dann später „nichtduale“ Meditationsformen kultivieren – also etwa das „Chan des heiter-gelassenen Widerspiegelns“, auf Englisch „serene reflection Zen“, auf Chinesisch Mochao-Chan, auf Japanisch Mokushō-Zen; Samatha und Vipassana sind unsere unverzichtbaren Grundlagen, nichtduale Meditationsformen sind optional.

m-buddhist: Was hat es nun mit den sogenannten Jhanas auf sich?

Muni: Diese Jhanas, oder auf Deutsch „Versenkungsstufen“, sind Vertiefungen der Konzentrationsmeditationen, also Vertiefungen von Samatha. Sie setzen eigentlich eine längere und ungestörte Meditationsumgebung voraus, also zum Beispiel ein längeres Einzel-Retreat. Deshalb lehren wir im Westen üblicherweise nur „Samatha für Anfänger“, denn dies hilft uns, den Geist zu beruhigen. Das hat ja durchaus einen großen Wert für sich, auch ohne die anschließenden Vertiefungen.

Buddha selbst hat die ersten vier Jhana bei seinen beiden Meditationslehrern gelernt und gemeistert. Dies gehörte zum Standard-Curriculum im damaligen Indien. Die so genannten höheren Jhana, Nummer 5 bis 8, sind wohl eine Zutat späterer buddhistischer Generationen. Die Vertiefungen können uns zu sehr eindrücklichen Erfahrungen des Geistes führen, zum Beispiel zu Lichterscheinungen, Erfahrungen von Raumunendlichkeit, Zeitverlust, sprich „Ewigkeit“, Glückseligkeit und so weiter. Einige dieser Erfahrungen ähneln den so genannten Nahtod-Erfahrungen und wurden und werden von Mystikern wegen ihrer Eindrücklichkeit als „Erfahrung Gottes“ oder als „Erleuchtung“ etc. interpretiert.

m-buddhist: Aber Buddha selbst war mit diesen Erfahrungen nicht zufrieden?

Muni: Nein, denn nach seinen Vertiefungsmeditationen fand er sich ja in seinem alten Geisteszustand wieder. Er suchte daher eine andere, dauerhafte Lösung unseres existentialistischen Problems. Buddha fand sie in dem von ihm entwickelten Vipassana, der offenen und frei fließenden Beobachtung aller Prozesse von Körper, Empfindungen – sind sie angenehm, neutral oder unangenehm? – Geist und Geistesobjekten. Geistesobjekte sind sowohl unsere Konzepte, als auch die Bilder der „äußeren“ Wirklichkeit in unserem Geist.

Nebenbei bemerkt: Chan bzw. Zen können wir als nichtduales Vipassana betrachten. Wir finden viele chinesische Chan-Geschichten in denen von „einem Mönch mit hellen Augen“ die Rede ist. Dies bezieht sich auf Mönche, die Vipassana, also den „Hellblick“, gemeistert hatten.

Schon hieraus kann man ersehen, dass Buddhas Weg ein grundsätzlich agnostischer spiritueller Weg war, denn er hätte sich ja mit den Jhana-Erfahrungen als „Gotteserfahrungen“ zufriedengeben können. Stattdessen bezeichnete er Vipassana als den „Einen Weg zur Befreiung“, d.h. zur Einsicht in die Dynamik der Vergänglichkeit, in die Selbstlosigkeit, also dass es kein inhärentes Selbst, keine ewige Seele gibt, und in die Leidhaftigkeit des Anhaftens.

Sehr schön beschreibt mein erster verehrter Dharma-Lehrer Nyanaponika in seinem Buch: „Im Lichte des Dhamma" diese und weitere Fragen aus der Sicht einer modernen Theravada-Tradition. Und interessant ist auch, dass inzwischen moderne neurologische Forschungen die Phänomene von Samatha und Vipassana untersucht haben und ihren Wert für unsere Lebensbewältigung bestätigen können. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

m-buddhist: Vielen Dank für das Gespräch, Muni!



LINKS:

Die Web-Site von Muni Schiekel:
https://www.mb-schiekel.de/

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